Wie Fahrrad fahren

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Seit bald einem Monat studiert Anne nun an der ETH. Im ersten Semester schlägt sie sich in den Fächern Lineare Algebra, diskrete Mathematik (Logik), Einführung in die Programmierung und Analysis I. Letzteres sei besonders schwierig und gehe sehr schnell voran. Manchmal komme sie gar nicht zum Mitdenken, sondern schreibt nur die Notizen von der Tafel ab, sagt Anne. Sie ist im Studentenleben angekommen. Eines ist nun klar: ohne Aufarbeiten zu Hause geht gar nichts. Zu diesem Zweck hat sie mit Mitstudenten eine Lerngruppe gebildet. Das Lernen alleine zu Hause sei manchmal sehr frustrierend. Wer kennt es nicht. Man hat einen Knopf und kommt einfach nicht weiter. In der Lerngruppe erlebe sie dann den Wow-Effekt, wenn der Knopf sich löse und alles plötzlich Sinn mache, sagt sie und lacht. Anne ist ein Kämpfertyp. Wenn sie etwas nicht versteht, klemmt sie sich dahinter und knobelt so lange, bis sie die Aufgabe beherrscht oder sie wendet sich in den Präsenzstunden an Studenten in höheren Semestern. Das sei wie eine Privatstunde, sagt sie, denn kaum ein Mitstudent würde diese Chance nutzen, und so habe man die Möglichkeit, jede Aufgabe ganz genau zu besprechen.

Die Studenten der ETH helfen sich gegenseitig. Besonders froh sei sie über die Unterstützung von Mitstudenten, die im Gymi ein mathematisches Profil belegt haben. Diese hätten deutliche Vorteile, ebenso wie jene, die direkt nach der Schule an die ETH gewechselt haben und den Stoff aus der Gymnasialzeit noch präsent haben. Hätte sie vor einem Jahr schon gewusst, dass sie Informatik studieren würde, hätte sie kein Zwischenjahr gemacht, sagt Anne. Doch sie hat in der kurzen Zeit schon sehr viel gelernt. Besonders in Einführung in die Programmierung erhält sie Bestätigung für ihr Können. Auch wenn es nur simple Dinge sind. „Das Gefühl vor dem Computer, wenn dieser macht, was du willst, ist schon grossartig“, sagt Anne und man hört ihr die Begeisterung an.

Das Informatikstudium unterscheidet sich von so manchem anderen Studiengang. Das Studium ist grösstenteil fakultativ; die Studenten müssen weder Hausaufgaben abgeben, noch gibt es Präsenzzeiten und Pflichtvorlesungen. Eigentlich müssten sie nur zu den Prüfungen erscheinen, sagt Anne. Das bringt Vor- und Nachteile. Zwar kann so jeder in seinem Tempo lernen, denn mit dem Skript, das die Dozenten auslegen, lässt sich der Stoff zu Hause alleine erarbeiten. Andererseits läuft man so auch schnell Gefahr, sich selbst zu überschätzen. Im Informatikstudium wird also sehr viel Selbstständigkeit vorausgesetzt. Und die Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Gerade gestern habe sie mit einem Youtube-Tutorial gelernt, lacht Anne. Auch die mathematischen Wikipediaeinträge seien sehr aufschlussreich.

Anne zeigt mir ihre Unterlagen aus der diskreten Mathematik. Was für mich wie Chinesisch aussieht, ist für sie ganz logisch. Das Studium macht ihr Spass, das sieht man. Natürlich sei es schwierig, anstrengend und zeitaufwendig. Doch Anne gefällt die Herausforderung. Ausserdem macht man sich gegenseitig Mut. Eine Dozentin hat das Studium unlängst mit Fahrradfahren verglichen. Bevor man sich auf den zwei Rädern halten kann, fällt man viele Male um. Doch man steht wieder auf und versucht es erneut, bis man den Lenker unter Kontrolle hat und die Zahlen einen Sinne ergeben.

Ein typisches Youtube Video zur Erklärung von mathematischen Problemen:

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